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Re: Agnostiker

von BibleDictionary am 04.01.2016 15:00

Es gibt ja auch die Gnostiker.Die haben eine besondere Erkenntnis.Die Eingeweihten.Oder?

Der Begriff ‹Gnostiker› findet vorwiegend als Bezeichnung von Anhängern pseudochristlichen Gedankengutes Verwendung. Als ‹Gnostizismus› werden verschiedene Lehrkonzepte, die sich bewusst vom apostolisch überlieferten Christentum getrennt haben, bezeichnet. Verschiedene Sekten greifen gnostisches Gedankengut auf, etwa die ‹Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage› (Mormonen) oder das ‹Universelle Leben›.

 

Vom Begriff her bedeutet ‹Gnosis› zunächst einmal ‹Erkenntnis› und kommt als solcher auch zur Bezeichnung der Erkenntnis der göttlichen Wahrheit in der Bibel vor. Allerdings wird an verschiedenen Stellen von einer fälschlicherweise ‹Erkenntnis› genannten Denkrichtung gewarnt (z. B. 1. Tim. 6, 20). Gemeint sind die frühen gnostischen Strömungen, die den Boden des Christentums verlassen haben, um christliches Gedankengut mit ‹Weisheit› aus den Mysterienreligionen zu vermischen. Diese Leute verstanden sich als ‹Eingeweihte›, wie du dem Gnosis-Begriff richtig entnommen hast, und behaupteten, tieferen Einblick zu haben.

Liebe Grüße

Christian

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Re: Agnostiker

von BibleDictionary am 02.01.2016 15:26

Liebe Annette!

‹Atheismus› kommt von griech. a, ‹ohne›, und theos, ‹Gott›, und bedeutet folglich ‹Gottlosigkeit›. Der Atheist lebt ‹ohne Gott›, also gottlos. So weit zum Begriff.

‹Agnostizismus› kommt von griech. a, ‹ohne›, und gnosis, ‹Erkenntnis›, und dient als Begriff zur Umschreibung einer Auffassung, die davon ausgeht, dass es unmöglich sei, das Göttliche zu erkennen.

Während also der Atheist Gott verneint oder den Einfluss Gottes auf ihn und sein Leben leugnet, geht der Agnostiker von einer prinzipiellen Unerkennbarkeit Gottes aus und macht daher keine konkreten Aussagen zum Göttlichen – mit einer Einschränkung: dass er eben sehr konkret von der Unerkennbarkeit des Göttlichen ausgeht ...

Herzliche Grüße

Christian

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Re: Matthäus 19,12 - keine Ehe bei Zeugungsunfähig?

von BibleDictionary am 21.09.2015 11:54

Lieber Jonas!

 

Hier geht's gar nicht um Zeugungs(un)fähigkeit als Hindernis für die Ehe. "Verschnittene" meint Eunuchen, die i.d.R. zeugungsunfähig sind, ja. Es gibt einige, die sind Eunuchen von Natur aus (so geboren), es gibt andere, die wurden zu Eunuchen gemacht (von Menschen), und es gibt solche, die von sich aus auf die Ehe (und damit zwangsläufig auch auf Zeugung von Nachwuchs) verzichten, um der Gemeinde Christi vollumfassend zu dienen – sie haben sich im übertragenen Sinne selbst zu Eunuchen gemacht.

Dass Zeugungsunfähigkeit kein Hindernis für eine Ehe sein kann, ergibt sich aus der Logik. Stell dir vor, zur Zeit der Apostel hätten zwei Leute geheiratet, und stellen wir uns vor, der Mann wäre zeugungsunfähig gewesen. Wann wäre das rausgekommen? Das hätte einige Zeit gedauert ... Wäre deswegen die Ehe hinfällig geworden? Natürlich nicht! Die Ehe lässt sich nicht auf Zeugungsfähigkeit reduzieren, und die Ehefähigkeit ist von weit mehr abhängig als davon, wie fruchtbar er oder sie ist. Zudem hätte man zur Zeit der Apostel medizinisch gar nicht feststellen können, ob's an ihr oder an ihm liegt – und wie hätte man, bevor irgendein Mann mit irgendeiner Frau geschlafen hätte, denn wissen können, ob er oder sie zeugungsfähig ist oder nicht? Dann wäre ja eh erst in der Ehe rausgekommen, dass da irgendetwas nicht ganz in Ordnung ist. Wenn Zeugungsunfähigkeit ein Grund wäre, nicht zu heiraten – wie hätte jemand vorher wissen sollen, ob er zeugungsunfähig ist?

Also mach dir keinen Kopf! Sara war auch unfruchtbar – so sagt es Gottes Wort –, und doch war sie Abrahams Frau. Und letztlich beschenkte Gott die Sara dann eben doch mit einem Kind.

Liebe Grüße

Christian

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Re: Das Wort (Logos)

von BibleDictionary am 10.09.2015 15:55

habe ich dich hier vielleicht missverstanden ? meiner Meinung geht hier hervor das ein Engel zu Maria gesprochen hat ..... und im brennenden Dornbusch hörte Moses auch Gottes Stimme ...

Liebe Wintergruen,

ich weiß ja nicht, wie du mich verstanden hast. 


Deiner Frage entnehme ich jedoch, dass du mich wahrscheinlich nicht so verstanden hast, wie es meinerseits beabsichtigt war. (Ich habe nie bestritten, dass Gott durch Engel sprach oder Mose seine Stimme hörte; im Gegenteil: Ich habe auf Mose ja ausdrücklich Bezug genommen als einem Menschen, zu dem Gott sprach; also den Beitrag bitte noch mal ganz aufmerksam lesen!)


Ich habe nicht gemeint, dass Gott nicht sprach, auch nicht durch Engel, sondern habe gesagt, dass er ›die längste Zeit‹ nicht hörbar sprach – sondern dass hörbares Reden Gottes (entweder unmittelbar oder durch einen Engel) in der Geschichte eher die Ausnahme denn die Regel ist und wir uns von daher überhaupt gar nicht wundern brauchen, wenn er nicht hörbar zu uns redet.


Mein Kernargument war (so weit uns bekannt): Von Adam bis Noah sprach er nur zu zwei Menschen innerhalb von 1600 Jahren; zwischen Noah und Abraham sprach er nur zu einem Menschen innerhalb von vier Jahrhunderten; und zwischen Abraham und Mose lagen weitere fünf Jahrhunderte, bis Gott wieder zu einem Menschen sprach. Dann kam eine Ära der Propheten einige Jahrhunderte später, in der das öfter vorkam. Zwischen dem letzten Propheten und der von dir angeführten Begebenheit mit dem Engel Gabriel bei Maria vergingen weitere vier Jahrhunderte des Schweigens seitens Gottes.


Beste Grüße


Christian  

Antworten Zuletzt bearbeitet am 10.09.2015 15:58.

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Re: Das Wort (Logos)

von BibleDictionary am 10.09.2015 14:21

Liebe Wintergruen,

die längsten Zeiten der Menschheitsgeschichte hindurch hat Gott zu niemandem verbal und hörbar gesprochen, auch nicht durch Engel. In der gesamten Epoche zwischen Adam und der Sintflut (ganze 1656 Jahre!) hat es anscheinend nur zwei Menschen gegeben, denen Gott sich in irgendeiner Form offenbarend mitteilte: zuerst Henoch, danach Noah. Im Großen und Ganzen tausend Jahre Schweigen göttlicherseits.


Nach der Flut dauerte es – so weit uns bekannt ist – weitere vier Jahrhunderte, bis Gott erneut zu jemandem sprach: Abraham. Wiederum in der gesamten Zeit zwischen Abraham und Mose – etwas über ein halbes Jahrtausend – schwieg Gott anscheinend; zumindest wird uns nicht berichtet, dass er zu irgendjemandem gesprochen hätte.


Unmittelbares, verbales Reden Gottes zu einzelnen Menschen und/oder Gruppen von Menschen begegnet uns in der Bibel zumeist an wichtigen Schnittstellen der Heilsgeschichte. Da die nächste große Schnittstelle die Wiederkunft Christi sein wird (Apg 1,7f) und die göttliche Selbstoffenbarung in der Vollendung des biblischen Kanons ihren Höhepunkt erreicht hat (Offb 22,18f), ist derzeit mit einem unmittelbaren verbalen Reden Gottes zu uns – was z.B. ›zusätzliche‹ Offenbarungen betrifft – nicht zu rechnen. Darum sind alle Neuoffenbarungsreligionen, mögen sie sich auch noch so sehr auf Christus berufen (Anthroposophie, Christliche Wissenschaft, Mormonen, Theosophie, Universelles Lebens usw.) bereits im Vorfeld abzulehnen. Der neutestamentliche Kanon bedarf keiner Ergänzung irgendeiner Form. (Das Gesagte betrifft übrigens auch diverse ›Propheten‹ aus speziellen Strömungen, die sich mehr oder weniger eigenmächtig der Charismatischen Bewegung zuzählen.)


Was sollte er uns auch mitzuteilen haben, was er uns durch die Schrift nicht bereits sagt? Dass er uns liebt? Hat er das nicht deutlich gesagt und in der Selbsthingabe Jesu Christi am Kreuz auf Golgatha gezeigt? Wollen wir von ihm hören, was wir in bestimmten Situationen zu tun haben? Hat er uns dafür nicht sein Wort als Richtschnur gegeben? Wenn wir fragend sein Wort erforschen und den Geist desselben kennen, werden wir wissen, wie wir in bestimmten Situationen zu handeln haben.


Liebe Grüße


Christian

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Re: Vorherwissen, Vorherbestimmung und die anderen Eigenschaften Gottes

von BibleDictionary am 08.09.2015 23:36

Pal schrieb:

Das meint: Gott ist so groß, das ER auch Böses benutzen kann, ohne selbst böse, sondern eben nur wieder absolut gut zu sein.

Das erinnert mich an die m.E. recht gute Erklärung (Ronald Senk, Das Israel Gottes – die Frage nach dem Volk Gottes im Neuen Bund, Reformatorischer Verlag Beese, Hamburg, 3. Ausg. 2012, S. 82f):

Gott steht hinter allem (Ex 4,11; Hiob 1,21; 2,10; Jes 45,5–7.22f; Klgl 3,38; Röm 9,14ff u.v.a.). Auch das Böse wird von Gott gebraucht, um seine Ziele zu verwirklichen – das Böse kann Gottes Pläne nicht durchkreuzen (Gen 50,20; Dtn 13,4; Apg 4,27f u.a.). Aber natürlich steht er anders hinter dem ›Bösen‹ als hinter dem ›Guten‹ bzw. ›Heiligen‹. D.h., dass Gott nichts mit der Finsternis und der Lüge und Sünde gemein hat – sie entsprechen nicht seinem Wesen (vgl. 1Joh 1,5; Tit 1,2; Hebr 6,18 u.a.). Als allmächtiger Gott steht er aber auch in Regie hinter den bösen Mächten, ohne sich jedoch wesensmäßig mit ihnen zu verbinden.


Wenngleich ich den Ausführungen des Autors ansonsten nur bedingt zustimmen kann – zumindest, was seine Aussagen zum vermeintlich doppelten Charakter der Prädestination betrifft, oder was seine m.E. mitunter ziemlich kühl anmutende Kritik an anderen christlichen Autoren angeht –, finde ich das ziemlich gut auf den Punkt gebracht.

Weshalb übrigens auch die Hölle selbst nichts mehr mit Liebe und Barmherzigkeit zu tun hat, sondern die Bösen absolut böse behandelt, was allerdings nichts anderes als ›gut‹ ist, weil es nur so gerecht ist.


Da denken wir wohl ziemlich ähnlich, wobei ich nicht sagen würde, dass die Bösen dort ›böse‹ behandelt werden, sondern eben gerecht – ansonsten wäre man ihnen ggü. ja eben nicht gerecht, sondern böse. Böses ist ja nahezu das Gegenteil von Gerechtem. Der Böse empfängt gerechtes Gericht wegen allem, was er an Bösem getan hat.

Doch ohne Ursache wird Gott nicht so wirken, wie ER wirkt ...

Amen! Da gehe ich grundsätzlich auch von aus. Gott agiert nicht grundlos so, wie er es tut; eines aber sollte klar sein: Der Grund, warum er uns in Jesus Christus als der rettende Gott entgegenkommt, kann nur außerhalb unserer selbst liegen und muss seinen Grund irgendwo in den Abgründen des unendlichen Wesens Gottes haben ...

Beste Grüße und Gottes Segen!

Christian

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Re: Vorherwissen, Vorherbestimmung und die anderen Eigenschaften Gottes

von BibleDictionary am 07.09.2015 14:32

Lieber Beroeer,

nun die Fortsetzung, und zwar geht es noch um deine Bezugnahme auf die von mir genannten Texte Offb 13,8; 17,8, wo von der ›Grundlegung der Welt‹ die Rede ist:

Es ist eigentlich für meine Argumentation völlig unerheblich, was der Terminus ›Grundlegung der Welt‹ (griech. καταβολῆς κόσμου, katabolēs kosmou, wörtl. ›Niederlegung [des] Kosmos‹) bedeutet: ob er den Zeitpunkt der Erschaffung des Universums oder die Gründung des gegenwärtigen Menschengeschlechts durch die unmittelbaren Nachkommen Adams und Evas meint, in jedem Fall stehen Namen seit dem besagten Zeitpunkt im ›Buch des Lebens‹, und Christus stand vor (!) jenem Zeitpunkt als Erlöser fest (1Petr 1,20).

Dazu, was ›Grundlegung der Welt‹ bedeutet, habe ich mich in meinen Beiträgen bewusst nicht geäußert – ich habe keine Interpretation dieses Begriffs vorgeschlagen, weil ich weiß, dass es diesbzgl. mindestens drei, wenn nicht, gar vier Auslegungen gibt, die alle in irgendeiner Weise nachvollziehbar sind. Was auch immer diese Wendung genau bedeutet, eines bleibt bestehen (und ändert an meiner bisherigen Argumentation nichts): dass konkrete Namen konkreter Personen im ›Buch des Lebens‹ von jenem Zeitpunkt an verzeichnet sind und dass Christus vor jenem besagten Zeitpunkt als Erlöser ersehen war.


Liebe Grüße

Christian

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Re: Vorherwissen, Vorherbestimmung und die anderen Eigenschaften Gottes

von BibleDictionary am 07.09.2015 14:04

Lieber Beroeer,

hiermit entschuldige ich mich zunächst dafür, dass meine Antwort etwas länger auf sich warten ließ, denn nach meinem Kroatien-Urlaub war ich noch zusammen mit einem Glaubensbruder in Österreich unterwegs – seine Frau hatte bei einem Preisausschreiben eine Fahrradrundreise gewonnen, wollte aber nicht mit, und so begleitete ich ihn dann.

Aufgrund des sehr engen Zeitpensums und auch diverser evangelistischer Gespräche mit unseren Mitreisenden ergab sich für mich einfach nicht der Rahmen, meine doch etwas länger ausfallende Antwort an einem einzigen Tag zu Papier zu bringen, sondern ich musste Stück für Stück, Absatz für Absatz, über mehrere Tage schreiben.

Zwischenzeitlich stand dann noch die zweitägige Hochzeitsfeier meines besten Freundes an, der ich als Trauzeuge und Mitverantwortlicher für den genauen Ablauf der Feierlichkeiten natürlich die komplette Zeit über beiwohnen wollte.

Nun bin ich wieder zuhause ...

So, dann mal los!

 

Da haben wir grundsätzlich dieselbe Blickrichtung – vermutlich definieren wir allerdings die Allmacht Gottes unterschiedlich.

Davon, dass wir die Allmacht Gottes unterschiedlich definieren, gehe ich (zunächst) nicht aus.

Ich halte es da mit einem gewissen – mir persönlich unbekannten, aber durch konstruktive Kommentare einmal positiv aufgefallenen – Stephan Lange, der schrieb:
 

 

Wenn die Bibel sagt, dass Gott allmächtig ist, meint sie damit, dass er keinem Diktat einer äußeren Macht untersteht – sondern nur sich selbst. Es gibt also nichts und niemanden außer ihm selbst, von dem Gott sich etwas vorschreiben lassen muss. Das nennt die Bibel (vollkommen zu Recht) ›allmächtig‹. Dass Gott z.B. nicht lügen kann, hat seine Ursache also nicht darin, dass ihm das von einer anderen Instanz auferlegt wird. Das einzige, was Gott zur Wahrheit verpflichtet, ist er selbst. Das entspricht vielleicht nicht dem, was wir spontan unter ›allmächtig‹ verstehen, aber das tut ja auch, ehrlich gesagt, wenig zur Sache. Schließlich geht es ja nicht um unser, sondern um das biblische Allmachtsverständnis.

Wenn ich dich richtig einschätze, wirst du dieser Definition nicht weniger beipflichten, als meine Wenigkeit es tut.
 

 

... dann ›höre‹ ich hier heraus, dass du auch jede der drei Auffassungen (die vom alles bestimmenden, jene vom allwissenden und die vom selektiv wissenden Gott) intellektuell nicht ganz unproblematisch siehst – selbst die, die du favorisierst.

Das ist korrekt. Die Prädestinationslehre, wie ich sie vertrete resp. für biblisch korrekt halte, stellt mich intellektuell vor einige Schwierigkeiten. Im Folgenden möchte ich das anhand dreier ›Bilder‹ deutlich machen, die ich hier leider nicht abbilden, zumindest jedoch beschreiben kann ...

Man stelle sich drei Dreiecke vor:

An der obersten Spitze des ersten Dreiecks steht ›Souveränität Gottes‹, an der rechten unteren Ecke desselben Dreiecks steht ›Verantwortung des Menschen‹, und an der linken unteren Ecke steht ›Gerechtigkeit Gottes‹. (Vorausgesetzt wird bei allen drei Dreiecken, dass die Bibel die Absolutheit jeder dieser Punkte lehrt; keiner der drei Punkte schränkt die anderen beiden ein.) Nun bekommen wir bei diesem ersten Dreieck rein menschlich gesehen ein logisches Problem: Wenn Gott absolut souverän ist – was einschließt, dass nichts geschieht, was er nicht festgelegt hat – und wenn er wirklich gerecht ist (nach unseren gängigen [humanistisch verseuchten] Vorstellungen von Gerechtigkeit), dann kann er den Menschen für seine Taten nicht zur Verantwortung ziehen, denn selbst das Böse, das der Mensch tut, ist in Gottes Plan einkalkuliert und dient der Verwirklichung seiner Vorsätze. Wir müssten den Punkt ›Verantwortung des Menschen‹ eigentlich streichen – können wir aber nicht, weil die Schrift ihn hunderte Male deutlich bezeugt.

Kommen wir zum zweiten Dreieck. Es ist exakt so beschriftet wie das erste. Wenn Gott absolut gerecht ist (nach unseren [humanistisch verseuchten] Vorstellungen von Gerechtigkeit) und der Mensch absolut verantwortlich ist für alles, was er tut, kann Gott nicht absolut souverän sein, denn die Souveränität Gottes würde die Entscheidungsmöglichkeiten des Menschen derart einschränken, dass er nur schwerlich für alle seine Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Wir müssten den Punkt ›Souveränität Gottes‹ eigentlich streichen – können wir aber nicht, weil die Schrift ihn hunderte Male deutlich bezeugt.

Dann ist da noch das dritte Dreieck, ebenso beschrieben wie die ersten beiden. Wenn Gott absolut souverän ist und den Menschen absolut verantwortlich macht für all sein Tun – auch wenn der Mensch Wege geht, die er gar nicht vermeiden kann, weil ihm kein anderer Weg gewährt wird –, dann kann Gott (nach unseren [humanistisch verseuchten] Vorstellungen von Gerechtigkeit) nicht gerecht sein. Wir müssten den Punkt ›Gerechtigkeit Gottes‹ eigentlich streichen – können wir aber nicht, weil die Schrift ihn hunderte Male deutlich bezeugt.

Das intellektuelle Problem ist also, dass wir immer zwei Ecken der besagten Dreiecke sprichwörtlich unter einen Hut bekommen, irgendeine der drei Ecken aber stets so aus dem Rahmen fällt, dass sie (scheinbar) nicht mit den anderen beiden Ecken kompatibel ist. Und doch lehrt uns die Schrift alle drei Ecken ...

Wir können auch nicht aufgrund unserer ›Logik‹ zwei der drei Ecken für absolut erklären, aber die dritte irgendwie für relativ erachten und Abstriche machen, sodass sie am Ende doch irgendwie zu den anderen beiden passt, nein; wir müssen die göttlichen Wahrheiten in all ihrer Einfachheit, aber stellenweise auch in all ihrer Komplexität exakt so nehmen, wie sie von der Bibel her bezeugt werden.

An dieser Stelle bin ich froh, dass ich göttliche Wahrheiten glauben darf und bezeugen soll – ich muss sie nicht in allen Einzelheiten erklären können. Könnten wir Gott im vollen Sinne verstehen, dann müsste unser Geist den Allumfassenden erfassen – mithin wären wir größer als er (vom jüdisch-christlichen resp. biblischen Gottesverständnis her schlicht ein Ding der Unmöglichkeit).

Sehr empfehlenswert: Titus Vogt, Von Ewigkeit erwählt?! Eine Stellungnahme zum gleichnamigen Buch von Matthias C. Wolff, Verlag für Kultur und Wissenschaft, 2013. In dem besagten Buch wird auf die o.g. Problematiken hingewiesen, und die oben beschrieben Dreiecke werden grafisch übersichtlich dargestellt.
 

 

Ich würde diese Texte gern im Kontext sehen

Es liegt mir wirklich fern, dir zu nahe zu treten – nimm das, was nun folgt, bitte nicht persönlich; du scheinst entgegen meinen sonstigen Diskussionserfahrungen mit ZJ eine positive Ausnahme darzustellen –, aber als ich das las, musste ich wirklich schmunzeln: Ausgerechnet ein Verfechter der Wachtturm-Doktrin verweist auf den Kontext (!) einer Aussage ... Entschuldigung, aber es gibt wohl kaum eine Glaubensgemeinschaft, deren Elite zwecks ›biblischer‹ Absicherung ihrer teilweise ziemlich seltsam anmutenden (um nicht zu sagen: schriftwidrigen) Lehren derart häufig Bibeltexte aus dem Zusammenhang reißt, wie dies bei den ZJ der Fall ist. Was mir da schon alles untergekommen ist – das treiben im Grunde nur noch die Mormonen auf die Spitze.

Nichts gegen dich, ganz im Gegenteil! Mich wundert nur, dass jemand, der unter Berücksichtigung des Kontextes die Heilige Schrift liest – so sollte es ja auch sein –, ernsthaft an der Wachtturm-Doktrin festhalten kann; denn ausgerechnet das ist für die meisten ZJ, die ich kennengelernt habe, das größte Problem: wenn man sie auf den Kontext hinweist (was mir als reformatorischem Christen i.d.R. mit am meisten am Herzen liegt, wenn ich Gottes Wort betrachte). Dass ZJ nun entgegen ihrer eigenen Behauptung i.d.R. keinerlei Ahnung davon haben, was es heißt, ein kontextbezogenes Bibelstudium zu führen, habe ich im Verlauf vieler Diskussionen schon häufig feststellen müssen; meistens waren sie danach auch völlig mundtot und haben keinerlei Gegenargument mehr herausgebracht, weil alles, was sie zu sagen hatten, Stück für Stück mit der Bibel demontiert werden konnte. Da sind so manchem sprichwörtlich die Schuppen von den Augen gefallen. Sie mussten bislang immer kapitulieren. (Wobei ich zugeben muss, dass sie im Gegensatz etwa zu den Mormonen doch ziemlich zäh sind und meistens das Weite suchen, bevor ihnen dämmert, auf welch dünnem Eis biblisch gesehen ihre ›Argumente‹ stehen.)

Aber wenn du entgegen vielen anderen vorbildicherweise auf den Kontext vom Propheten Jesaja Bezug nimmst, will ich darauf auch gleich eingehen. Ich kann nicht erkennen, wo ich in den Text eine Allwissenheit hineingelesen hätte, die darin angeblich gar nicht vorausgesetzt wird. Natürlich steht das Vorauswissen JHWHs an besagten Stellen im Zusammenhang mit bestimmten Ereignissen – aber warum denn überhaupt? Weil Gott grundsätzlich allwissend ist. Jesaja bezeugt an sehr vielen Stellen, dass nichts vor den Augen JHWHs verborgen ist, und nun demonstriert Gott das exemplarisch an den Juden und den Situationen rund um das Babylonische Exil.

Das hingegen:
 

 

Vermutlich sah Gott hier Bedarf, sein Vorherwissen (selektiv) einzusetzen,

ist nun wirklich eine Schlussfolgerung, die definitiv weder im Text noch überhaupt irgendwo in der Bibel verankert ist oder vorausgesetzt wird. Sie basiert allein auf der Annahme, dass – wenn Gott gerecht ist – der Mensch sämtliche Entscheidungsfreiheiten haben müsse, um für sein Handeln verantwortlich gemacht werden zu können (andernfalls sei Gott ungerecht). Das ist, wie gesagt, menschlich logisch, steht so aber nirgends ausdrücklich geschrieben und relativiert sogar die absoluten Aussagen der Heiligen Schrift zur Souveränität Gottes.

Ich nehme ein grundlegendes Problem bei der Auseinandersetzung mit der Thematik wahr: Das, was unserem (begrenzten und auch noch von Sünde beeinträchtigtem!) Verstand nicht einleuchtet, wird so lange relativiert und uminterpretiert (entgegen dem klaren Wortsinn!), bis ein Konzept herauskommt, das für uns harmonisch aussieht. Dass wir dabei Gott sprichwörtlich das Wort im Mund umdrehen, scheint uns relativ wenig zu bekümmern. Warum nehmen wir das, was er offenbart, nicht als gegeben an – ganz einfach, weil er es sagt – anstatt unseren Verständnishorizont zum Maßstab dafür zu erheben, was Gott angeblich alles (nicht) meint, wenn er bestimmte Aussagen macht? Es war schon immer gefährlich, Gott nicht beim Wort zu nehmen – das fing bereits im Garten Eden an. Am Ende des Tages gilt nur eines: Glaube ich, was er ausdrücklich sagt?
 

 

Einen generellen Beleg dafür, dass Gott ALLES vorhersieht, kann ich darin beim besten Willen nicht erkennen.

Du hast Recht, das steht da tatsächlich nicht. Aber nun will auch ich mal rein ›logisch‹ argumentieren, für irgendetwas muss die gute alte Logik ja da sein ...

Es wird die Allwissenheit Gottes vorausgesetzt, denn allein der Umstand, dass Gott spezielle Ereignisse ›voraussieht‹, impliziert, dass er jedes andere Ereignis, das Einfluss auf das Ergebnis haben könnte, ebenfalls ›voraussieht‹. Sprich: Wenn ihm auch nur das allergeringste Detail entgehen würde, das Einfluss auf das Ergebnis einer Sache hätte, und er das einfach nicht voraussehen will, wer garantiert dann noch, dass das, was er eigentlich beabsichtigt, auch wirklich aufgeht?

Angenommen, Gott hat vor, mich als Missionar in Südamerika einzusetzen. Damit das Ziel erreicht wird, muss er sicherstellen, dass das Flugzeug, in dem ich sitze, nicht abstürzen wird. Es reicht nicht, ›vorauszusehen‹, dass es nicht abstürzen wird, denn ob es abstürzen wird oder nicht, hängt an Hunderten, wenn nicht gar Tausenden oder gar Millionen weiterer kleiner Ereignisse, die an jenem besagten Tag zusammenfallen. Jedes dieser Ereignisse müsste er berücksichtigen und ggf. Einfluss darauf nehmen. Wenn er jedoch alle diese Ereignisse weiß, dann muss er auch wissen, was zu diesen Ereignissen geführt hat, denn wie will man von Ereignissen wissen, wenn man von den Ursachen dieser Ereignisse nichts weiß – sind doch die Ursachen der Grund dafür, warum gewisse Ereignisse überhaupt erst absehbar sind. Und da wären wir bei den Entscheidungen vieler Millionen Menschen weltweit angelangt. Alles, was geschieht, muss so ineinander greifen, dass mein Flugzeug an dem besagten Tag nicht abstürzt. Nicht ein einziges Ereignis darf unberücksichtigt leiben – es könnte sonst die gesamte Aktion gefährden. Gott kann nicht einfach ›voraussehen‹, dass ich heil ankommen werde, gleichzeitig aber ›übersehen‹, dass jemand an dem besagten Tag auf einem völlig anderen Ende der Erde eine Drohne zündet, die mein Flugzeug in die Luft jagen wird, wenn ich gerade an Bord bin. Gott muss alles wissen, alles ohne die allergeringste Ausnahme.

Man überlege einmal, wie gigantisch groß unser Universum ist! Gott kennt jeden einzelnen Stern darin mit Namen. Unsere Sonne hat einen Umfang, da passt unsere Erde eine Million Mal hinein. Unsere Galaxie, die Milchstraße, besteht aus 300 Milliarden solcher Sonnen (›Sterne‹ genannt, die uns nur deshalb so klein vorkommen, weil sie unvorstellbar weit weg sind). Von solchen Galaxien wiederum gibt es schätzungsweise weitere 50 Milliarden im gesamten Universum. Wir sind so klein, dass es auf den Rest des Universums technisch keine Auswirkungen hätte, ob wir da sind oder nicht. (Es ist erstaunlich, dass Gott ausgerechnet mit unserer kleinen Welt seine große Heilsgeschichte schreibt; es lässt mich in tiefster Ehrfurcht anbeten.) Innerhalb der gigantischen Abstände im Universum zwischen diesen einzelnen Galaxien sind viele andere Strukturen auf atomarer bzw. molekularer Ebene, und jedes einzelne Teilchen ist dem Allmächtigen bekannt. Und da soll er vor irdischen Ereignissen den Blick verschließen und angeblich heute nicht wissen, was morgen kommt?!?

Was sagst du eigentlich zu dem im obigen Beitrag aufgeführten Argument bzgl. der Erretteten, die einmal vor Gottes Thron stehen werden? Das war eigentlich mein Hauptargument für die bedingungslose Allwissenheit Gottes, und ausgerechnet darauf hast du nicht Bezug genommen. Aber du sagtest ja: ›Fortsetzung folgt‹, insofern darf ich ja noch Hoffnung hegen.
 

 

Ist das nicht ein Zirkelschluss? Gott müsse alles wissen, weil er schließlich allwissend sei......und allwissend sei er, weil er der Allmächtige sei.

Das ist keine Petitio principii, also kein klassischer Zirkelschluss, denn dass Gott allwissend ist, wird in dem Wort ›Allwissenheit‹ bereits impliziert. Weil Gott allwissend ist (das ist Fakt), muss er alles wissen – es kann nichts geben, was er nicht weiß; ansonsten wäre er nicht allwissend. Das ist pure Logik (s.o.!).

Ein Zirkelschluss ist etwas ganz anderes, z.B. (es folgt jetzt ein Insider, den keiner versteht, der mit ZJ noch nie ausgiebig diskutiert hat):

Die Leitende Körperschaft allein sei befugt, die Bibel verbindlich auszulegen; wenn jemand mit der Bibel gegen die Schlüsse der Leitenden Körperschaft argumentiere, müsse er zwangsläufig im Unrecht sein, weil er ohne die Leitende Körperschaft die Bibel nicht verstehen könne. (Mit diesem Anspruch versucht die Leitende Körperschaft, sich vor ihren Anhängern unangreifbar zu machen.)

Noch besseres Beispiel eines Zirkelschlusses:

Du musst prüfen, was die Wahrheit ist. Die Wahrheit verstehst du (nach ZJ-Doktrin) jedoch nur durch die Leitende Körperschaft.

(Wenn das Verständnis der Wahrheit von der Leitenden Körperschaft abhängig wäre, dann wäre es völlig unmöglich, zu prüfen, ob die Leitende Körperschaft im Recht ist oder nicht, denn dazu müsste man die Wahrheit verstehen – die wiederum sich ja aber nur durch die Leitende Körperschaft verstehen lassen würde.)

Das sind Zirkelschlüsse, die sich tagtäglich in den Köpfen von Millionen von Menschen abspielen, und keiner von ihnen merkt es. Sollte die Leitende Körperschaft im Recht sein, könnte man das nicht an einer objektiven, allgemein erkennbaren Wahrheit prüfen, weil die Wahrheit nur durch die Leitende Körperschaft verstanden werden könnte; sollte sie im Unrecht sein, kann das auch niemand prüfen, der ernsthaft meint, die Leitende Körperschaft sei der ›Kanal der Wahrheit‹, denn indem er diesen Anspruch voraussetzt, entzieht er sich selbst die Fähigkeit, zu erkennen, wenn die Leitende Körperschaft irrt, denn von einer Instanz, die von Gott selbst eingesetzt ist, zu denken, sie könne die Herde in die Irre führen, ist gotteslästerlich – und wer will schon sein Paradies auf Erden riskieren für den Fall, dass die Leitende Körperschaft mit ihrem Anspruch ja eben doch Recht haben und jegliche Kritik an ihr bereits Rebellion gegen Gott sein sollte?

Das nur mal so am Rande zum Thema Zirkelschlüsse ... Ich frage mich allen Ernstes, wie diese Menschen diese enorme Spannung ein ganzes Leben lang aushalten; ich würde psychisch vor die Hunde gehen ... Ich kann doch nicht einem Katholiken an der Haustür erzählen, wie ›vernünftig‹, ›verantwortungsbewusst‹ und ›klug‹ es wäre, die Wahrheitsansprüche der römischen Kirche anhand der höchsten Wahrheitsinstanz, der Heiligen Schrift, zu prüfen – wenn aber der Katholik den Spieß umdreht, bin ich nicht dazu bereit und wende selbst nicht an, was ich ihm rate?!? Das sind nicht nur Zirkelschluss-Denkstrukturen, sondern auch Zirkelschluss-Handlungen.
 

 

Gott ist allmächtig – so bestätigt uns das die Bibel und er kann trotzdem nicht alles! Er unterliegt aber keiner Einschränkung die wir uns ausdenken, er legt sie sich selbst auf, wie sein Wort uns berichtet! Der heilige, allweise und allmächtige Gott, kann nicht im Widerspruch mit sich selbst handeln. Daher gibt es Dinge, die er einfach nicht tun kann und niemals tun wird:

Das kann man so in etwa ausdrücken, sehe ich nicht viel anders. Gott kann alles, wenn man richtig versteht, was mit ›alles‹ gemeint ist. ›Alles‹ sind alle Dinge, die im Rahmen der von Gott geschaffenen Realität möglich sind. Was aber widersinnig ist resp. dem Wesen Gottes widerspricht, gehört nicht zu ›allem‹, sondern ist schlicht und einfach in sich selbst keine Möglichkeit. Lügen sind z.B. Ausdruck einer Irrealität, sie vermitteln keine Wirklichkeit und sind daher in sich selbst widersinnig. Gott, der jedoch die höchste Wirklichkeit (das absolute Sein) ist, kann sich als höchste Instanz der Wahrhaftigkeit nicht mit Lüge (Unwahrhaftigkeit) identifizieren.

Fortsetzung folgt ...

Antworten Zuletzt bearbeitet am 07.09.2015 17:42.

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Re: Vorherwissen, Vorherbestimmung und die anderen Eigenschaften Gottes

von BibleDictionary am 20.08.2015 17:43

Beroeer schrieb:

Was Gottes Fähigkeit des Vorherwissens anbelangt, da habe ich eine andere Sicht. Mir ist klar, dass Gottes ›selektives Vorherwissen‹ so, wie ich das sehe, hier einen ausgefallenen Standpunkt darstellt.

Nun muss ich doch mal die Gelegenheit nutzen, von meinem Urlaubsort aus das Forum zu stürmen. 


Lieber Beroeer,

der Standpunkt ist in der Tat sehr ausgefallen ...  Und das hat nichts damit zu tun, dass die Doktrin der Watchtower Bible and Tract Society im Vergleich zu anderen mehr oder weniger christlichen Lehren besonders exotisch wäre – du hast dich in einem Beitrag ggü. Cleopartra als ›Außenseiter‹ definiert –, nein: Es gibt innerhalb der bekennenden Christenheit zahlreiche exotische Lehrkonstrukte. Wenn ich mir als reformiert orientierter Christ einige Entwicklungen anderer Glaubensgemeinschaften (bspw. Neuapostolische Kirche) oder Strömungen (bspw. Pfingst- und Charismatische Bewegung) ansehe, sträuben sich mir die Nackenhaare ... Die (selbsternannten) ›Zeugen Jehovas‹ sind, was die Exotik ihrer lehrmäßigen Entwicklung betrifft, in keiner Weise einzigartig (wiewohl die Führung der Organisation erfahrungsgemäß nicht müde wird, immer wieder zu behaupten, dass sie ggü. allen anderen nominell christlichen Gemeinschaften einen Sonderstatus einnimmt). Gleiches kann man, wenn man will, natürlich umgekehrt den ›Reformierten‹ vorwerfen; genauer gesagt: Wenn ein Pfingstler oder Charismatiker einige Entwicklungen im Rahmen der reformierten Theologie begutachtet, wird er wahrscheinlich auch vieles finden, was er für nicht biblisch hält.

Am Ende des Tages ist nicht die Frage relevant, wie exotisch im Vergleich zu anderen christlichen und/oder pseudochristlichen Lehren die Auffassungen sind, die wir vertreten, sondern ob sie von der Heiligen Schrift her begründbar und haltbar sind, mithin die Größe und Omnipotenz Gottes unterstreichen.

Nun zu deiner o.g. Aussage ...

Die Problematik an der Idee vom ›selektiven Vorherwissen‹ ist, dass sie als Option zulässt, dass es für Gott gewissermaßen ›Überraschungen‹ geben könnte – Ereignisse, die er in seinem Plan nicht berücksichtigt oder nicht einkalkuliert haben könnte, und zwar schlicht und einfach deshalb nicht, weil er von ihnen so lange nichts wissen würde, bis sie geschehen oder anderweitig absehbar werden würden. Kann man allen Ernstes meinen, Gott würde ganz bewusst davor zurückschrecken, etwas vorherzuwissen? Kann man wirklich meinen, Gott würde seine Fähigkeit, Ereignisse ›im Vorfeld‹ zu erkennen, selektiv einsetzen?

Eine solche These ist in sich wohl noch schwieriger nachzuvollziehen als die klassische Prädestinationslehre, die in ihrem Gesamtzusammenhang das menschliche Handeln den von Gott vorgegebenen Wegen unterordnet, den Menschen jedoch voll und ganz verantwortlich macht für die Wege, die er geht. Um diese ›Spannung‹ ein Stück weit aufzulösen und beide Aussagen der Schrift – sowohl die über göttliche Vorherbestimmung als auch die über menschliche Verantwortung – in Kombination miteinander zu sehen, macht es Sinn, wie der o.g. Scofield-Kommentar zwischen Ereignissen, die Gott zulässt, und Ereignissen, die Gott verursacht, zu differenzieren. Das Weltgeschehen wäre demnach eine Symbiose aus göttlichem Beschluss und verantwortlichem menschlichen Handeln, wobei der göttliche Beschluss die echten und verantwortlichen Entscheidungen, die Menschen treffen, bereits einkalkuliert, sodass am Ende wirklich nichts anderes erreicht wird als die Verwirklichung des göttlichen Ratschlusses.

Ich erinnere mich in Bezug auf Diskussionen mit ZJ zum besagten Thema an einen Wachtturm-Artikel, in dem es hieß:

Es geht ... nicht darum, ob Jehova in die Zukunft sehen kann, sondern darum, ob er es möchte. ... Jehova setzt sein Vorherwissen also nur selektiv ein (1. Juni 2006, S. 17).

In einer anderen Zeitschrift (Erwachet!) war zu lesen:

Gemäß der Bibel setzt Gott seine Fähigkeit, die Zukunft vorherzubestimmen, nur dann ein, wenn er möchte. Zum Beispiel sagte er voraus, dass eine ›große Volksmenge‹ gerechter Menschen die Vernichtung des gegenwärtigen bösen Systems überleben wird (Offb 7,9.14). Beachten wir: In dieser Prophezeiung wird keine genaue Zahl genannt. Warum nicht? Gott bestimmt das Leben Einzelner nicht vorher. Er ist wie ein guter Vater mit vielen Kindern. Er weiß genau: Einige Kinder werden seine Liebe erwidern. Er legt aber nicht im Voraus fest, wie viele (Februar 2009, S. 12).

Das hört sich ja soweit alles ganz nett an, doch wie sieht es nun mit den praktischen Konsequenzen dieser Lehre vom ›selektiven Vorherwissen‹ aus?

(An dieser Stelle ein kurzer Einschub: Ich will ganz offen sein – eine größere Fehlinterpretation resp. -einschätzung des genannten Sachverhalts ist mir in meinem bisherigen Leben noch nicht untergekommen ... Wenn man, wie ich, in Bezug auf Theologie reformatorisch tickt, ist es nahezu lächerlich – wenn nicht, gar blasphemisch –, den vor-, außer- und überzeitlichen, ewigen, allmächtigen und allgegenwärtigen Gott, der Schöpfer, Erhalter und Vollender der Welt ist, in unseren Vorstellungen in unseren eigenen Horizont hineinzuprojizieren und zu meinen, er unterläge in irgendeiner Weise einer Einschränkung. Wir sind Geschöpfe – er ist Schöpfer. Alles, was geschieht, muss zuerst an ihm vorbei – wie sollte es da für ihn Verborgenes geben? Ist er nicht viel mehr der, welcher Verborgenes offenbart? (Jes 46,10; 48,3). Ist es nicht so, dass, wer etwas Geringeres als diesen als ›Gott‹ verehrt, in Wirklichkeit einen selbstgemachten ›Gott‹, einen Abgott – einen Götzen –, verehrt? Wir sollten uns nicht einfach eine eigene Vorstellung von etwas Höherem machen und es dann einfach mit dem Attribut ›Gott‹ versehen und behaupten, das sei der Gott, der sich in der Bibel, insonderheit in Jesus Christus, offenbare. Das, was wir als ›Gott‹ verehren, sollte alle Eigenschaften aufweisen, welche die Bibel dem lebendigen Gott zuschreibt – Eigenschaften, die kein anderer hat –, ansonsten sollten wir uns ernsthaft fragen, ob wir nicht unter dem Deckmantel unseres ›Gottesdienstes‹ einen anderen verehren ...)

Achten wir einmal auf das Wachtturm-Argument: Gott wisse, dass am Ende eine große Volksmenge vor seinem Thron stehen werde. Er wisse jedoch nicht, wie viele dort stehen werden.

An dieser Stelle ist wohl die Frage berechtigt: Wenn er nicht weiß, wie viele dort stehen werden (weil er ja angeblich, was die ewige und endgültige Errettung einzelner Menschen betrifft, von seinem potentiellen Vorherwissen keinen Gebrauch macht), wie will er wissen, ob dort überhaupt jemand stehen wird? Wenn Gott nicht souverän errettet und die am Ende Erretteten ihm vorher nicht bekannt sind – sonst wäre ihm ja auch die Anzahl der Erretteten bekannt, was dem o.g. Artikel zufolge ja aber nicht so ist –, dann könnte es doch sein, dass am Ende gar niemand errettet vor dem Thron Gottes steht?! Wenn Gott weiß, dass die Volksmenge ›groß‹ ist, dann muss er wissen, wie viele Menschen sie umfasst und welche. Andernfalls könnte er auch nicht wissen, ob diese Volksmenge ›groß‹ oder eher klein ist.

Die Wahrheit ist viel einfacher: Der Apostel Johannes sieht in seiner Vision von den Erlösten vor dem Thron Gottes eine für einen Menschen unzählbar große Schar (Offb 7,9; s.a. Mt 8,11; Lk 13,29). Er sieht konkrete Personen, die konkrete Gesichter haben und denen konkrete Namen zugeordnet werden können. Alle ihre Namen stehen im ›Buch des Lebens‹, und zwar ›von Grundlegung der Welt an‹ (Offb 13,8; 17,8; s.a. Mt 25,34).

Gott weiß alles. Er steht auch in einem völlig anderen Verhältnis zur Zeit als wir. Alles, was uns auf unserem Lebensweg widerfährt, ist in unserer Wahrnehmung eine Aufeinanderfolge von Ereignissen. Die Zukunft formiert sich im Rahmen unseres Gedanken- und Erfahrungshorizonts aus den Ereignissen der Gegenwart heraus. Gott steht jedoch gänzlich außerhalb der Zeit. Da Zeit an den Raum gebunden und damit eine geschöpfliche Größe ist, bewegt sich Gott, unser Schöpfer, im Gegensatz zu uns nicht in der Zeit vorwärts. Er wirkt zwar in die Zeit hinein, steht selbst jedoch außerhalb derselben. Aus seiner Perspektive ist jeder Moment der Geschichte Gegenwart, und sein Ratschluss steht damit zwangsläufig ›vor‹ i.S.v. außerhalb der Zeit der Welt. Gottes ewiger Ratschluss und sein geschichtliches Handeln sind im Grunde eins, nur aus zwei verschiedenen Perspektiven.

Damit erübrigt sich auch die Frage, ob es etwas geben kann, das Gott nicht ›vorher‹weiß, denn aus seiner vor- resp. überzeitlichen Perspektive sieht er gar nicht ›voraus‹ auf die Ereignisse (für ihn als dem Überzeitlichen gibt es keine ›Zukunft‹), sondern auf die Ereignisse herab. Was aus unserer Perspektive ein ›Voraussehen‹ ist, das ist aus seiner Perspektive ein ›Zusehen‹. (Der bekannte christliche Schriftsteller C.S. Lewis verglich diese Perspektiven einst mit einer auf einem Blatt gezeichneten Linie. Die Linie stellt die Zeit dar. Während wir uns auf der Linie fortbewegen und es noch Zeit gibt, die ›vor‹ uns liegt – und eben auch Zeit, die ›hinter‹ uns liegt –, schaut Gott von oben auf die Linie herab. Er steht oberhalb dieser Linie und damit auch außerhalb der Zeit und aller an sie gebundenen Ereignisse.)

In diesem Sinne wünsche ich dir und allen anderen Diskussionsteilnehmern erst einmal viel Freude beim weiteren Studium des Wortes Gottes – ich begebe mich vorerst noch mal an den Strand und freue mich auf den Abendgottesdienst mit den anderen Teilnehmern der christlichen Sommerfreizeit.

Beste Grüße aus Kroatien!

Christian

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Re: Vorherwissen, Vorherbestimmung und die anderen Eigenschaften Gottes

von BibleDictionary am 08.08.2015 09:18

Pal: Der "Tortenboden" scheint mir eher in der absolut guten Gerechtigkeit zu bestehen!

Sehe ich tatsächlich nicht ganz so. Dass Gott in Jesus Christus stellvertretend die Gerechtigkeit erfüllte, die wir brauchen, um vor ihm zu bestehen, ist nicht gerecht – es ist gnädig und wurzelt in seiner unermesslichen Liebe. Dass er uns – da es uns an Gerechtigkeit mangelt – verurteilt, ist gerecht; dass er die uns mangelnde Gerechtigkeit selber beschafft, um uns zu erlösen, hat selber mit Gerechtigkeit seinerseits wenig zu tun – es ist tiefster Ausdruck seiner Liebe und der daraus resultierenden gnädigen Zuwendung uns gegenüber. In allerletzter Konsequenz betrachtet, ist die Liebe das, was der Ausübung aller Eigenschaften Gottes zugrunde liegt.

Dass Gott auch Hass kennt, habe ich übrigens mit keinem Wort bestritten. Gottes Liebe zum Guten schließt automatisch die Ablehnung des Bösen bzw. den Hass auf dasselbe ein. Aber dieser Hass ist Ausdruck seiner Liebe – nämlich seiner Liebe zum Guten. Nichts, was aus Gott kommt – nicht einmal sein Hass –, ist ohne Bezug zu seiner Liebe. Darin besteht auch der wesentliche Unterschied zwischen Gottes »Hassen« und dem der Menschen im Allgemeinen: Gottes Hass liegt da Motiv der Liebe zum Guten zugrunde; bei uns Menschen hingegen ist der Hass i.d.R. ungerecht; er resultiert meistens nicht aus der Liebe zum Guten, sondern stammt wirklich aus einem hasserfüllten Herzen, das genauso böse ist wie die Sache oder die Person und deren Taten, die wir hassen.

christ9 hat eigentlich sehr schön ausgedrückt, wie es ich verstehe:

Ich persönlich würde die Liebe noch vor der Gerechtigkeit ansiedeln. Gerechtigkeit setzt Liebe voraus, Liebe zur Wahrheit. Und Gott ist die Wahrheit. Er handelt ausschließlich aus Liebe, definiert Liebe. Wir müssen darauf achten, dass wir die Bedeutung von Liebe nicht (in menschlichem Sinne) verengen, sie nicht reduzieren auf „liebevolles Verhalten". Liebe ist universaler. Das kennzeichnende der göttlichen Liebe ist, dass sie zu unserem Besten wirkt, und das kann sich auf unterschiedliche Weise äußern: In ewiger Errettung oder eben Verdammung. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass Liebe bei Gott - im Gegensatz zu uns Menschen - keine affektive Dimension umfasst.

Man muss sich eben des Umstands bewusst sein, dass Gott nicht emotional aus einem Affekt heraus handelt, sondern aus einer grundsätzlichen Einstellung aus dem Innersten seines Wesens. »Liebe« ist in diesem Sinne weit mehr als das Gefühl von Zuneigung, es ist eine grundsätzliche positive innere Haltung, die sich dann in konkreten Taten (auch Ablehnung und Verdammung des Bösen) äußert. Gottes »Emotionen« sind also keine an den Augenblick gebundene Äußerungen seines Wesens, sondern ewige und zu allen Zeiten gleiche Einstellungen zu bestimmten Dingen, seien sie gut oder böse.

Ferner möchte ich dem noch eine Aussage des Paulus hinzufügen, wonach der Mensch sehr wohl befähigt ist, Gott zu suchen (d. h. auch ein Stück weit zu erkennen):

Apg. 17,27: Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern.

So ganz scheint die Möglichkeit nach Gott zu fragen mit dem Sündenfall demnach nicht verlorengegangen zu sein.

Nun ja, weder steht dort, dass je einer der besagten Menschen Gott tatsächlich gesucht und gefunden hätte, noch steht dort, dass der Mensch grundsätzlich dazu befähigt sei. Es ist viel mehr etwas Fragliches: »ob sie ihn wohl finden könnten« ... Daraus eine grundsätzliche Fähigkeit des Menschen abzuleiten, nach dem wahren Gott zu fragen, ihn zu suchen und zu finden, lässt sich exegetisch nicht begründen. Es steht dort nun einmal nicht und wird weder ausdrücklich gesagt noch vorausgesetzt.

Das oft darauf zu hörende Argument: »Gott stellt keine Forderungen, die Menschen nicht erfüllen können«, muss aufs Schärfste zurückgewiesen werden. Und wie er das tut! Täte er das nicht, hätte er sich das Kreuz sparen können. Gerade das Kreuz zeigt deutlich, dass Gott an seinen Forderungen keinerlei Abstriche macht und seine Gebote für uns auf das reduziert, was wir »erfüllen« können. Er kann Gehorsam dort einfordern, wo kein Mensch in der Lage ist, ihn zu leisten. Nur weil der Mensch ungerecht geworden ist, passt Gott seine Gerechtigkeit und die Forderungen derselben der menschlichen Ungerechtigkeit nicht an.

So, ihr Lieben – und nun muss ich mich aus der Diskussion ausklinken, da ich für die nächsten drei Wochen in einem sicher wunderschönen (mir »vorherbestimmten«? ) Urlaub bin (erst zwei Wochen in Kroatien, danach eine Woche in Österreich) ...

Beste Grüße

Christian

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