Die letzte Nacht

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cipher
Gelöschter Benutzer

Die letzte Nacht

von cipher am 20.08.2014 14:09

Die letzte Nacht...
Mittwoch, 9. Mai 2007
Meine über alles geliebte Frau, meine lieben Kinder,
man hat mir erlaubt, an diesem Tag noch einmal an Euch zu schreiben und es werden wohl die letzten Zeilen sein, die Ihr von mir, Deinem Mann, Eurem Vater, zu lesen bekommt. Und wenn Ihr diese Zeilen erhaltet - wenn Ihr sie wirklich erhaltet, werde ich schon vor meinem ewigen Richter gestanden haben und Ihr werdet ohne mich weiterleben müssen. Doch ist das ja für Euch nichts neues. Schon beinahe sieben Monate bin ich fort von Euch, habe Dich, meine Geliebte und Kameradin in guten und bösen Zeiten und Euch, meine über alles geliebten Kinder nicht mehr sehen, auch nicht mehr sprechen dürfen. Und nur ein Brief im Monat wurde mir erlaubt, von dem ich nicht wissen kann, ob er Euch erreicht haben mag.

Geschlafen habe ich nicht mehr in dieser letzten Nacht meines Lebens. Der Schlaf flieht mich, wie schon in mancher Nacht, seit man mir das Todesurteil eröffnet hat. Doch bald darf ich den ewigen Schlaf schlafen...

Das Sitzen auf diesem harten Stuhl wird mir sauer, weil meine Verdauungsgasumwandlungs- und rückführungskartusche nicht richtig sitzt. Hier muß man sich behelfen, man bekommt eben eine, nach der Größe und Paßform wird nicht gefragt. Gerade versuche ich mir vorzustellen, wie wohl ich mich vor vielen Jahre ohne die VGURKA geführt habe. Fast ist es schon nicht mehr war.

Und oft habe ich in den letzten Wochen an unsere gemeinsamen wunderbaren Zeiten denken müssen. Gemeinsame Unternehmungen, Spiele, Liebe, Vertrauen, Lachen Spaß und Weinen - vorbei - dahin - ich habe alles verspielt. Verzeih' mir meine Geliebte, verzeiht mir, Kinder. An allem bin ich ganz allein schuld. Es tut mir so unendlich leid.

Ja, verzeiht mir und erlaubt mir, heute am letzten Tag meines irdischen Lebens die vergangenen Ereignisse, welche zu diesem Urteil geführt haben, noch einmal zu rekapitulieren. Ich hoffe, meine Lieben, es langweilt Euch nicht zu sehr, doch ich will noch ein letztes Mal versuchen, gedanklich alles in die in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Als in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Wiederverwertung von Abfallstoffen eingeführt wurde, konnte ich, konnte niemand ahnen, wie schnell die ganze Sache sehr, sehr ernst werden würde.

Angefangen hatte es ja, Ihr Kinder wißt das wohl gar nicht mehr so genau, angefangen hatte es zunächst mit Glas und Papier, weil das die Stoffe waren, die sich wohl am einfachsten sammeln und wiederaufbereiten ließen. Doch dann wurden es mehr und mehr Stoffe, die gesammelt und wiederverwertet werden mußten.

Mein Widerstand begann an der Stelle, an der wir angewiesen wurden, die Leerpackungen peinlichst sauber zu reinigen um den Wiederverwertungsbetrieben die Arbeit zu erleichtern. Als unsere Wasserrechnung schwindelnde Höhen erreichte, begann ich, den einen oder anderen Joghurtbecher, die eine oder andere Fertiggerichtschale ungereinigt in die Sammelgefäße zu werfen. Nicht nur das, irgendwann war ich der ganzen Sammelei und des ganzen mich ermahnen lassens so überdrüssig, daß ich, wie damals viele andere Menschen auch, in den „anonymen Abfallsabotageuntergrund" wechselte. Das ist heute der offizielle Name dieser lockeren Organisation. Damals gab es keinen Namen dafür; was wir taten, taten wir aus stillem Protest gegen die in unseren Augen unsinnigen Regelungen und Maßnahmen der Regierung und der Behörden. Dieser „anonyme Abfallsabotageuntergrund" also versah die zu sammelnden Behältnisse immer öfter zusätzlich mit Lebensmittelresten aller Art und verschloß sie so geschickt, daß man sie in den Sammelbehältern nicht erkennen konnte.

Wißt Ihr, anfangs war es ja so, daß man die sogenannten „Wertstoffe" - Wertstoffe, bei dem Wort dreht sich alles in mir um - daß man die sogenannten Wertstoffe in gelben Foliensäcken an die Straße stellte, von wo sie dann abgeholt wurden. Fand einer der Müllwerker durch Sichtkontrolle in einem der Säcke ein verbotenes Abfallteil, klebte er eine rote Marke auf den Sack und ließ ihn stehen. So konnte schon von weitem jeder der Nachbarn sehen: „Aha, hat er mal wieder einen „Fehlwurf" getan!"

Doch dann wurden die Müllwagen mit Bioscannern ausgestattet, die einen Höllenlärm verursachten, wenn sie in einem Behälter etwas Verbotenes entdeckten. Die Müllwerker, inzwischen hochbezahlte Umweltschutzbeamte, waren berechtigt, sofort drakonische Geldstrafen zu verhängen und einzukassieren. Ersatzweise konnte es bis zu zehn Tagen Haft geben. In jedem Müllwagen gab es ein Extraabteil für zahlungsunwillige Müllverbrecher und einen Schnellrichter.

Dennoch, Kinder, im Vergleich zu dem, was dann kam, war das alles noch harmlos. Eines Tages kam jemand auf die Idee, die Atemluft zu besteuern. Es hagelte Proteste. Nicht einmal wegen der pauschalen Besteuerung an sich. Deswegen streikt ein Deutscher nicht. Sondern weil eine Pauschalsteuer viel zu ungerecht sei. Also bekam jeder einen Atemluftmesser eingepflanzt. Ein winziger Chip, kaum größer als ein Nagelkopf. Jeder Kubikmillimeter ein- und ausgeatmeter Luft wurde gemessen und besteuert. Inzwischen bekommen bereits Säuglinge diesen Chip kurz vor der Geburt eingesetzt, damit wirklich jeder Atemzug vom allerersten an erfaßt werden kann. Steuerermäßigung bekamen nur Menschen, die mit Hilfe ihrer Lungen ihrem Beruf nachgingen - Sänger, Glasbläser, Taucher usw.

Dann kam der nächste Coup. Es ist ja bekannt, daß die Verdauungsgase - auch „Faulgase"genannt - eine nicht geringe Menge an Energie enthalten. Man entwickelte also folgerichtig eine Einrichtung, mit deren Hilfe diese Verdauungsgase aufgefangen und in elektrische Energie umgewandelt werden kann. Diese Kartusche führt die Gasmenge, die nicht verarbeitet werden kann wieder ins Verdauungssystem zurück, damit auch nicht die geringste Menge verloren geht. „Verschwendung" war strengstens untersagt. Ihr wißt selbst, wie unangenehm diese Rückführungsprozedur sich ausnimmt. Ganz scheußlich waren die ersten Modelle dieser Art. Heute ist es relativ einfach, die gespeicherte Elektrizität ans Netz abzugeben. Während ihr auf irgendeinem Stuhl sitzt, geschieht die Übertragung automatisch. Doch zu Beginn gab es noch erhebliche Isolationsprobleme. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wieviele heftige elektrische Schläge Mami und ich anfangs bekamen. Manchmal kamen wir uns vor, wie auf dem elektrischen Stuhl. Minutenlang zuckten und zitterten wir. Es war eine Tortour!

Man dachte auch an eine Atemgasrückführung bzw. an eine Doppel- oder gar Dreifachnutzung der Atemgase. Doch nachdem in den ersten Versuchen einige Todesfälle und einige Beinahetodesfälle zu beklagen waren, ließ man diesen Gedanken widerstrebend wieder fallen.

Ihr Lieben, ich muß mich eilen mit meiner Rückschau, in einer knappen Stunde kommen sie, mich zur Hinrichtung zu holen, dann will ich auch auf diese Weise mit meinem Leben abgeschlossen haben. Es tut mir leid, daß ich Euch so viel Kummer und Harm bereite. Ich hab' das nicht gewollt. Und ich habe es doch auch für Euch getan, die Ihr mir das Liebste auf der Welt seid.

Hätte ich früher bemerkt, daß mich die GAPO, die Geheime Abfallpolizei, im Fadenkreuz hat, hätte ich vielleicht rechtzeitig mit meinen Aktivitäten aufhören können. Doch die Burschen gingen ja derart raffiniert vor, damit konnte und kann ich einfacher Bürger gar nicht rechnen. Man hatte mich schon im Auge, als ich begonnen hatte, hier und da doch mal wieder einen ungereinigten Quarkbecher in den Sammelbehälter zu schummeln.
Ich hatte eine Methode entdeckt, wie ich die Müllscanner überlisten konnte. Doch die Agenten von der GAPO, die konnte ich nicht täuschen. Allerdings mußten sie mich lange observieren, bis sie endlich handfeste Beweise hatten. Jahrelang verfolgten und beobachteten sie mich, machten Aufzeichnungen über jeden meiner und auch Eurer Schritte.

Als ich eines Tages durch die Verdauungsgasrückführungsprozedur ungemein gequält worden war, verfiel ich auf eine Idee, wie ich die Kartusche zeitweise außer Kraft setzen konnte. Ihr selbst wißt alle, wie wohltuend es war, wenigstens hin und wieder der Natur freien Lauf lassen zu können, auch wenn es nicht immer gut roch und manchmal so laut wurde, daß die Nachbarn argwöhnisch zu werden drohten. Ein ganzes Jahr habt Ihr diesen Luxus dank Eures Vaters genießen können.

Bis es eines morgens noch im Dunkel an der Tür läutete und fünf oder sechs Männer und eine Ärztin der GAPO ins Haus eindrangen, Eure Kartuschen gegen neue austauschten, die Anschlüsse plombierten und mich, Euren Vater, mit sich nahmen. Das war vor beinahe sieben Monaten.

Seitdem wurde ich verhört und wieder verhört, ich bekam Einzelhaft, Dunkelhaft. Sie bedrohten mich mit Eurer Festnahme bis ich endlich alles, alles gestanden hatte. Drei Tage später war die Verhandlung, inoffiziell, vor einem einzelnen Richter. Einen Anwalt durfte ich mir nicht nehmen.
Das Urteil lautete: Tod durch den elektrischen Stuhl! Wohl weil man glaubte, ich sei's von den ersten Kartuschen her noch gewohnt. Mein Leichnam soll dann kremiert und meine Asche in Eieruhren für den Export nach Fernost abgefüllt werden. Die sind dort zur Zeit sehr begehrt. Schade, ich hatte gehofft, man würde mich auf dem Komposthof im Süden der Stadt kompostieren.

Kinder, Geliebte - ich muß schließen, ich höre Schritte. Nun kommen sie. Seltsam, ich habe keine Angst. Beinahe, als wäre, was jetzt kommt, noch nicht alles. Lebt wohl, lebt wohl, Ihr Lieben. Ich rufe Euch noch im Gehen zu: Ich bin stolz auf das, was ich getan habe. auch für Euch getan habe. Auf Wiedersehen in einer besseren Welt...
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Geliebte, Kinder - Ihr seht mich wieder. Ja, sie kamen, drei Herren und drei Damen, ganz in Schwarz gekleidet. Sie erklärten mir, eine Hinrichtung sei nicht genehmigt worden, weil sie ökonomisch und ökologisch sinnlos sei. Meine Strafe wird umgewandelt. In einer Woche werde ich entlassen und darf wieder zu Euch kommen. Ich bin nun Kartuschentester auf Lebenszeit.

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