Nähe vs. Distanz
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Re: Nähe vs. Distanz
von Cleopatra am 15.10.2015 07:38Hallo christ,
also ich kann deine Meinung auch nicht so teilen.
Ich rede sehr viel mit Gott und teile mich ihm mit.
Ich glaube, dass Gott ein Teil meines Lebens sein möchte und sich freut, wenn ich zB die Natur genieße und ihn dafür lobe und Ehre gebe.
Rapp sagte ja auch schon- betet ohne Unterlass.
Dass Gott etwas gegen die Nähe hat, das würde ich gerne mal in der Bibel begründet sehen. Hast du dafür ein beispiel?
Ich sehe in den Psalmen, wie zB David Gott sein ganzes Leid klagt. Er darf bei Gott sogar jammern und nicht ganz os fromme Wünsche äußern. Einfach so sein, wie er ist.
Auch sehe ich, wie Gott als ein Vater beschrieben wird.
Ich denke aber auch, dass das Verständnis erstmal mit geprägt ist von unserer Kindheit.
Ich selbst bin zB sehr streng aufgewachsen, also habe ich Gott auch erst als strengen Vater wahrgenommen.
Trotzdem können wir uns nicht darauf ausruhen, denn wir können ihn schließlich näher kennenlernen
Worin wir uns wohl einig sind, ist auch die Wichtigkeit der Ehrfurcht und so. Ja, ich habe einen riesigen Respekt vor Gottes Macht und Größe.
Aber ich bin sein Kind und ich bin froh, dass er so viel Interesse hat an mir, jede Kleinigkeit kennt und auch in mein Leben eingreift.
Er lebt mit mir.
Das hat nichts mit Paranoia zu tun, oder Pseudogesprächen oder einseitigen Gesprächen. Gott antwortet schließlich.
Lg Cleo
Die Bibelverse sollen meine Meinung bilden, nicht begründen
Zitate im Forum, wenn nicht anders vermerkt, aus der rev.Elberfelder
Re: Nähe vs. Distanz
von christ90 am 15.10.2015 06:40Lieber Willy,
Zwischen Gebet und Zwiesprache liegt m. E. doch ein erheblicher Unterschied. Beim eigentlichen Gebet handelt es sich um das „einseitige" sich mitteilen des Menschen an Gott - nicht um einen wechselseitigen Austausch. Von daher finde ich es, offen gestanden, bedenklich, wenn es zu einer Art innerer Zwiesprache verkommt; dann läuft man schnell Gefahr in eine Art „Pseudodialog" zu verfallen. Gott ist nun mal kein herkömmlicher Gesprächspartner. Eine eigentliche, fortdauernde Zwiesprache halte ich daher schwerlich für möglich.
Noch eines möchte ich festhalten: Auch wo das Verhältnis zu Gott nicht so innig ausfällt, der Austausch nicht so rege ist, bedeutet dies nicht, dass Menschen Gott nicht auch dieselbe Hochachtung entgegen brächten, und die ihnen übertragene Aufgabe gewissenhaft erfüllten.
Rapp
Gelöschter Benutzer
Re: Nähe vs. Distanz
von Rapp am 14.10.2015 21:23Nun frage ich mich ob ich zu einem Fremdwörterbuch greifen soll oder ob ich mal aus dem Bauch raus antworten mag...
Für mich ist mein Verhältnis zu Gott ein ganz einfaches und unkompliziertes geworden. Warum sollte ich nicht in ständiger Zwiesprache mit meinem himmlischen Vater leben?? Das würde dem glatt widersprechen, was er uns durch Paulus sagt: betet ohne Unterlass. Das hat nichts herabsetzendes an sich. Ich nehme Vater mit in meinen sicher nicht einfachen Alltag. Das tat ich vor Jahren als Pastor, als Geschäftsmann, als Papa einer Rasselbande von sieben Rabauken und tue das heute noch weit mehr als invalider Rentner...
Da macht mein himmlischer Vater mit. Aus einem Gespräch mit Vater. Vielleicht hilft dir das zu verstehen, wie einfach mein Umgang mit Gott mit den Jahren geworden ist: "Vater ich bin müde. Meine Bibelschulkameraden genießen ihren Ruhestand... Was hältst du davon, wenn ich an Ruhestand denke?" "Hm, Ruhestand? Denkst du etwa ich solllte mich zur Ruhe setzen?" "Vater, sicher nicht!" "Dann gehst du wohl am besten an deine Arbeit..."
Das verstehst du nicht? Nach deinem Post begreife ich das... Vor 50 Jahren dachte ich auch noch weit komplizierter als heute!
Willy
Nähe vs. Distanz
von christ90 am 14.10.2015 20:35Ich möchte gerne ein Thema aufgreifen, welches mich im Grunde schon seit längerem, namentlich seit dem Thread über die Formen der menschlich-göttlichen Interaktion sowie meiner Begegnung mit dem Gebiet der Religionsphänomenologie gleichermaßen bewegt wie fasziniert: Die Verschiedenartigkeit der menschlichen Gotteswahrnehmung, vornehmlich innerhalb des Christentums. Dabei fällt mir auf, wie sehr sich die heutige, christlich gefärbte, großenteils von der ursprünglichen, auf der Uroffenbarung sich gründenden Gotteserfahrung entfernt und seither mannigfach verzweigt hat.
Ein zentraler Aspekt scheint mir hierbei zu liegen im Verhältnis von Nähe und Distanz, genauer: dem Umstand von größtmöglicher Nähe bei gleichzeitiger unendlicher Distanz. Auf der einen Seite ist Gott uns unendlich entrückt, auf der anderen wieder so unfassbar nah, näher als je ein Mensch uns zu sein vermag. Diese scheinbare Ambivalenz löst sich jedoch, wenn man bedenkt, dass sich bei dieser Art von Nähe um eine grundsätzlich verschiedene handelt im Vergleich zu jener, die aus engem persönlichem Verhältnis erwächst. Jene ist getragen von einer tiefen Ehrfurcht und innerer Weite, während letztere doch sehr menschlich ist, mit einem Zug zur Vereinnahmung.
Auch das intimste Verhältnis zu Gott muss m. E. getragen sein von jener Ehrfurcht. Keinesfalls darf Gott verkommen zu einer Art imaginärem Gesprächspartner, mit dem man fortwährend innere Zwiesprache führt. Dann läuft man Gefahr zu vergessen, mit wem man es eigentlich zu tun hat und die Ehrfurcht vor dem Erhabenen geht verloren. Auch wenn das menschliche Verlangen nach Nähe groß ist, halte ich eine heilige Distanz - auch und gerade im Gebet - für unerlässlich. Auch Gott ist ja offensichtlich darauf bedacht, dass diese gewahrt bleibt. M. e. sollte man sich dieser Distanz stellen und danach fragen, weshalb sie wohl von Nöten ist.
Eine mögliche Erklärung liegt für mich in dem Umstand, dass unsere Zeit hier gewissermaßen eine Bewährungsprobe darstellt, in der sich unsere Gesinnung erweisen soll. Die „Auswertung" erfolgt erst am Ende. Gleichsam einer Klausur mit anschließender Nachbesprechung. Wobei der Vergleich natürlich hinkt: Schließlich geht es vor Gott nicht um Leistung, sondern einzig um unsere Gesinnung, unser Herz. Und doch erfolgt seine klare Stellungnahme zu uns und unseren Taten erst im Anschluss an unser Erdenleben. Dies würde seine Zurücknahme im hier und jetzt ein Stück weit erklären.
Was sind eure Meinungen und Erfahrungen diesbezüglich?